Erythrozyten
Erythrozytenkonzentrate (EK)
Eine risikoarme Übertragung von EK hängt wesentlich von den blutgruppenserologischen Untersuchungen ab. Die erforderliche Verträglichkeitsprobe (Kreuzprobe) umfasst die AB0-Eigenschaften, den Rhesusfaktor D sowie irreguläre Antikörper. Die blutgruppenverträglichen EK werden nur gegeben, nachdem mit dem AB0-Test die Konserve noch einmal „am Bett“ getestet wurde. Das Testergebnis ist zu dokumentieren und der Begleitschein auszufüllen. Angestochene Blutkonserven müssen innerhalb von sechs Stunden transfundiert werden. Die Entnahme von Blutproben aus verschlossenen Blutbehältnissen zu Untersuchungszwecken ist nicht gestattet.
Risiko der Transfusion
Jede Transfusion verursacht eine Immunsuppression, verschlechtert die Mikrozirkulation, kann eine nicht-hämolytische oder hämolytische Reaktion (1:13000) auslösen oder zu einer Infektion (HIV, Hepatitis B oder C, Malaria, Prionen?) führen. In den letzten Jahren wird vermehrt über akute transfusionsbedingte Lungenschäden (TRALI) berichtet (1:5000–500000), die wie ein ARDS imponieren und nach zwei bis 48 Stunden auftreten.
Risiken der Bluttransfusionen
HIV | 1: 1-1,5 Millionen |
Hepatitis B | 1: 50.000 – 200.000 |
Hepatitis C | 1:1-2 Millionen |
Malaria | 1:4 Millionen |
Prionen | Einzelfälle |
Bakteriämie | 1: 2.000 |
Febrile Reaktion | 1:100 |
Hämolytische Reaktion | 1:50.000 |
Anaphylaktische Reaktion | 1:20.000-50.000 |
Akutes Lungenversagen | 1:2.000 |
Transfusionsgeschwindigkeit
In der Regel werden sie über eine periphere Vene gegeben, wobei sich die Transfusionsgeschwindigkeit nach dem klinischen Zustand des Patienten richtet. Bei kreislaufstabilen Patienten mit einer hochgradigen Anämie können bei Bedarf bis zu vier Blutkonserven in drei bis vier Stunden übertragen werden. Bei Patienten mit einer Herz- oder Niereninsuffizienz ohne akute Blutungszeichen ist dagegen das Transfusionsvolumen auf 70–120 ml/Std zu begrenzen.
Erwärmung
Eine gekühlte Blutkonserve braucht nicht vorher erwärmt zu werden. Lediglich bei einer Massivtransfusion, einer chronischen Kälteagglutininkrankheit oder hochtitrigen Kälteantikörpern ist eine Erwärmung indiziert. Wünschenswert ist sie natürlich bei bereits unterkühlten Patienten.
Transfusionszwischenfall
Als unerwünschte Wirkungen können febrile, nicht-hämolytische Transfusionsreaktionen, urtikarielle Hautreaktionen und eine Hypervolämie auftreten. Als besonders gefährlich ist die hämolytische Transfusionsreaktion zu bewerten, die als Sofortreaktion mit Frösteln, Fieber, Schweißausbruch, Rücken-/Flankenschmerz, Tachykardie und Blutdruckabfall sowie Übelkeit und Blutungen einhergehen kann. Die häufigste Ursache für diese lebensbedrohliche Reaktion ist eine Verwechslung der AB0-Blutgruppe! Es gibt auch verzögerte hämolytische Reaktionen durch AK-Boosterung im Laufe von einigen Tagen nach Transfusion mit Anämie, Ikterus und Hämoglobinurie. Bei Verdacht auf einen Transfusionszwischenfall ist die Transfusion sofort zu beenden, ein venöser Zugang zu schaffen, um eine evtl. medikamentöse Therapie einleiten zu können, und der Patient wird zur Überwachung auf eine Wachstation gelegt. In allen Fällen mit Verdacht auf eine Transfusionsreaktion wird die Blutzufuhr sofort gestoppt, die Blutkonserve gesichert und Blut zur Untersuchung entnommen. Das Restblut der Konserve und die aktuelle Blutprobe vom Patienten werden mit den nötigen Dokumentationen den verantwortlichen Transfusionsmedizinern zugeleitet.
Indikation
Eine EK-Gabe muss gut indiziert sein. Von einer Transfusion wird erwartet, dass sich der Sauerstofftransport, die Blutstillung und das Herzminutenvolumen verbessern. Es gibt dafür keine festen Regeln, sondern es werden der Hb-Wert, der klinische Status und die individuellen Risiken berücksichtigt. In der Regel ist bei Patienten mit einem Hämoglobin von unter 6 g/dl eine Transfusion erforderlich. Lediglich bei gesunden jungen Patienten kann unter sorgfältiger Kontrolle auch ein geringerer Wert geduldet werden. Ist der Patient älter oder sind kardiale oder pulmonale Risken bekannt, dann sollte der Hämoglobinspiegel keinesfalls 7 g/dl unterschreiten. Beträgt der Hämoglobinspiegel über 10 g/dl, dann gibt es nur in seltenen Fällen eine Indikation zur Transfusion (z.B. bei einer sehr schweren COPD). Diese Empfehlungen setzen allerdings voraus, dass keine Hypovolämie und keine eingeschränkte kardiale Funktion vorliegen. Inwieweit die Sauerstoffversorgung des gesamten Organismus nicht zu stark kompromittiert wurde, lässt sich an der gemischt-venösen Sauerstoffsättigung ablesen. Wird in der Peripherie nämlich zu viel Sauerstoff abgeschöpft, dann sinkt der Sauerstoffgehalt im venösen Schenkel. Dieser Wert vermittelt eine globale Ansicht über die Sauerstoffversorgung und erlaubt keine Aussage über die ausreichende lokale Versorgung in einer Wunde. Bei Werten zwischen 7 g/dl und 10 g/dl sollten die individuellen Risiken und das Nutzen-Risiko-Profil der Transfusion abgewogen werden. Keinesfalls sollten vermutete hypoxische Schädigungen oder Heilungsstörungen an kritischen Anastomosen toleriert werden.
Unabhängig von diesenr allgemeinen Ausführungen zur Indikation einer Transfusion sollte die speziellen chirurgischen Aspekte nicht vergessen werden. Häufig wird übersehen, dass es zur Heilung von Wunden und Anastomosen eine gute Sauerstoffversorgung bedarf. Aus tierexperimentellen Studien und Hämodilutionsstudien ist bekannt, dass die Rate an Insuffizienzen mit abnehmenden Hb steigt. In problematischen Situationen sollte deshalb ein Hb von über 9 g/dl angestrebt werden. Außerdem sollte man sich bei Blutungen an die bekannte Weisheit erinnern, dass „dünnes Blut nicht so gut gerinnt“.
Blutkonserven
Nur für wenige Operationen werden routinemäßig zwei Blutkonserven bereitgestellt. Dazu gehören Ösophagus-, Pankreas- und Leberresektion. Bei präoperativ anämischen Patienten ist bereits vor der Operation eine optimale Substitution einzuleiten. Wenn eine zeitgerechte Bereitstellung versäumt wurde, können bei seltenen Blutgruppen und irregulären Antikörpern Probleme auftreten.